Der (die) Esel auf Kreta

Der (die) Esel auf Kreta


 

Als ich den Themenvorschlag "Der (die) Esel auf Kreta" zum ersten Mal sah, durchzuckte mich der Gedanke 'Wer ist hier gemeint?'.

Erinnerungen wurden wach. Erinnerungen, die mich zu meinen ersten Aufenthalten auf Kreta in 1997 zurück führten. Genauso gegensätzlich wie sich meine Urlaubsziele Stalida und Ierapetra darstellten - so sollte sich für mich die gesamte Insel präsentieren. Eine Insel voller Gegensätze.

Ich stand auf dem Balkon des Maliotakis-Beach und staunte über den Anblick der Berge, die sich hinter dem Sunny-Beach erhoben. Ich blickte auf die Beach-Road und freute mich wie ein Kind über das lebhafte Treiben auf dieser Strasse. Faszinierend für mich, wie die Besitzer des Supermarkets schräg gegenüber ihren Laden um acht in der Früh öffneten und erst nach 22 Uhr wieder versperrten.

Eine Etage tiefer meines Hotels wartete die nächste Überraschung auf mich: Der Frühstücksraum mit Blick auf das Kretische Meer. Ich sah aus dieser Perspektive die Wellen tanzen - und konnte das wunderbare Blau geniessen.

Die nette Hoteliersfamilie lächelte freundlich über meine Begeisterung. Es war mein erster richtiger Urlaub. Für mich sind Berge im Normalfall ca. 250 km entfernt - ebenso auch die Ostsee. Und hier - hier hatte ich beides, Berge und Meer, direkt vor der Tür.

Passanten oder auch Gäste, was mögen sie bei meiner Begeisterung, Freude oder auch Verwunderung gedacht haben? So ein Esel? Vielleicht.

Stalida gehört schlechthin zum Mekka des Tourismus auf Kreta. An der gesamten Nordküste erstreckt sich eine Hotellandschaft von Agios Nikolaos bis Chania, wo mancher Gast, aber auch Insider, hinter vorgehaltener Hand vom Ballermann Kretas spricht.

Wo sich im Norden Tavernen, Autovermietungen, Reisebüros und Boutiquen verschiedenster Art um die Gunst der Gäste bemühen - und wo der Tag am Abend noch lange nicht zu Ende ist - da bekommt der Besucher das Gefühl, diese Kreter schlafen nie. Und das ist nur einer von den Gedanken, die in den Köpfen der Gäste kreisen. Ich betone es aufgrund der Vielzahl von Meinungen, im Touristengebiet wird abgezockt und geneppt. Auch wenn wir bei den Eseln sind, so gibt es schwarze Schafe überall.

Die Kreter haben sehr viel Gefühl, auch wenn sie es nicht jedem offen zeigen. Die Menschen, die in diesen Ballungszentren arbeiten, sie haben auch dieses Gefühl noch. Sie leben von diesem Tourismus; doch wir vergessen, dass die Saison gerade 6 - 7 Monate anhält. Das Jahr hat aber 12 Monate. Für viele ist es mittlerweile die einzige Einnahmequelle - andere wiederum haben deshalb die Bergdörfer verlassen.

Und nun steht ein Konkurrent neben dem anderen - alle wollen existieren. Und ihre Familien ernähren. Jeder von ihnen steht Tag für Tag 12 bis 14 Stunden seinen Mann/seine Frau. Wer dankt ihnen diesen unermüdlichen Einsatz? Dafür, dass sie für ein geringes Gehalt, tagtäglich mit einem strahlenden Lächeln dem Urlauber zu Diensten stehen? Haben wir die Leistung wirklich mit dem Preis vom Gyros, vom Shirt oder für den netten Empfang an der Rezeption gebürtig honoriert?

Wollen wir das Gefühl der Kreter wirklich entdecken, so müssen wir hinter die Fassade des netten Kellners oder der Kioskverkäuferin schauen. Auch die netten Putzfrauen, die sich immer wieder aufs neue um saubere Zimmer bemühen, wünschen nicht unbedingt das zusätzliche Trinkgeld auf dem Kopfkissen. Nein, sie wünschen sich ein Lächeln der Anerkennung - oder auch ein liebes Wort. Ein Dankeschön, dass sie ein halbes Jahr ohne grossartige Freizeit unseren Urlaub gestaltet haben.

Wer ist hier der Esel?

Doch nicht so weit entfernt von diesem "Ballermann-Tourismus" entpuppt sich Kreta noch einmal mit all seinen Facetten. Etwas oberhalb der Küstenstrassen - kreuz und quer durch die Präfekturen Heraklion und Lasithi - ist etwas vom ursprünglichen Leben der Insel zu spüren. Pinien, Zypressen, Eukalyptus - all diese Bäume lassen sich finden. Der Blick auf die Olivenhaine oder auch auf die Citrusbäume. Die Gärten mit ihren Granatapfelbäumen...

Auf den Dorfstrassen laufen die Hühner frei herum; auch die Ziegen scheren sich wenig um die sich hier "verirrten" Touristen. Alte Mütterchen sitzen vor ihren Haustüren und arbeiten emsig an ihren Stickereien. Ein Anblick, der mir sehr oft auf der Insel begegnet ist.

Ich geniesse die Ruhe und die Stille, kann es kaum fassen, dass das auch Kreta ist. Noch nicht einmal eine Autostunde entfernt vom Fun-non-stop.

Die Sonne brennt. Mit einer Weintraube und einem Granatapfel in der Hand (beides von einer lieben Dorfbewohnerin erhalten) mache ich mich auf die Suche nach einem Kafenion. Viele Männer sitzen schon dort. Sie mustern mich argwöhnisch, wahrend ich mir einen Platz unter einer Plantane suche. Ich nehme mir Zeit für einen Frappé und beobachte das Geschehen. Ein Dorfbewohner gesellt sich zu der Runde. Er war Kräuter sammeln. Auf einmal stand er auf und hielt mir ein Stück Dikta-Moos unter die Nase. Seine Freude war riesengroß, als ich es erkannte. Ein Tourist in kurzen schrillen Shorts und T-Shirt, mit dem Fotoapparat unter dem Arm - er erkennt tatsächlich das Dikta-Moos. Und schon kamen wir ins Gespräch....

Ein Esel, der sich diese Schönheiten entgehen lässt?

Ich bewege mich mit meinem Auto allmählich die Serpentinen hinunter in Richtung Südküste. Eine Insel - zwei Welten?

Ich befinde mich in Ierapetra, der südlichsten Stadt Europas, von Heraklion benötigt der Transferbus ca. 2,5 bis 3 Stunden. Eine Stadt, die sich von allen Seiten zeigt. Eine nette Kleinstadt, die am Tage von Hunderten von Touristen besucht wird und dennoch nichts von ihrem Charme verliert.

Während sich an der Nordküste das Produkt "Tourist" an fast jeder Stelle verewigt - konzentriert sich in der Kleinstadt Ierapetra dieses Treiben auf die Strandpromenade (Paralia) und auf den Boulevard. Daraus ergibt sich, dass die Frequention in der Stadt von ca. 10 Uhr bis maximal 20 Uhr am höchsten ist. Die Gründe dafür sind u. a., dass von Ierapetra täglich die Ausflugsschiffe zur Insel Chrissi ablegen. Aber auch die zahlreichen Busunternehmen nutzen diese Kleinstadt bei ihren Ostkreta-Touren für einen Zwischenstopp.

Es ist natürlich, dass so eine Buspause von ca. 1 bis 2 Stunden nicht ausreicht, um sich die kleine Stadt anzusehen. Sei es, um in den Geschäften zu bummeln oder aber durch die vielen kleinen Gassen der Stadt zu schlendern.

Der aufmerksame Besucher der Stadt wird recht bald merken, dass es sogenannte Knotenpunkte gibt, die nicht nur von den Touristen sondern auch leidenschaftlich gern von einheimischen Bewohnern und zahlreichen Geschäftsleuten besucht werden.

Die Gegend um Ierapetra wird sehr gern als "Gemüsegarten" Kretas bezeichnet. Und wenn man richtig hinschaut, so lassen sich die zahlreichen Gewächshäuser nicht übersehen. Paprika, Gurken, Tomaten - all das, was wir stets frisch in der Taverne oder im Hotel erhalten, gedeiht aufgrund des sehr milden Klimas gut. Ich erinnere mich an dieser Stelle sehr gern an Sterios, der in den Sommermonaten eine Autovermietung betreibt. Für ihn ist die Arbeit in den Gewächshäusern während der Winterperiode, wo keine Urlauber auf die Insel kommen, nicht nur Broterwerb sondern ein sehr schöner Ausgleich. Ein Ausgleich für das oft stundenlange Warten auf Kunden, die sich für ihre Ferien ein Auto mieten wollen.

Ebenso viel Herzenswärme trägt Mariä in sich. Half sie einst noch in der Küche eines kleinen Stadthotels in Ierapetra aus, so widmet sie sich heute ausschließlich ihren Enkeln und dem kleinen Café am Boulevard. Im Hotel verwöhnte sie die Gäste jeden Tag mit selbstgebackenem Kuchen. Sie sprach nur in ihrer Muttersprache - aber für das Leuchten in ihren Augen brauchte man keinen Dolmetscher. Jeden, den sie in ihr Herz geschlossen hatte, den wollte sie auch wiedersehen - in dem kleinen Café.

Auch ich zähle zwischenzeitlich zu den Stammgästen von Ilios und Mariä. Zur Begrüßung gibt es immer ein Stück des selbstgebackenen Kuchens - zum Abschied einen guten Schluck Raki.

Für den Fremden mag die Mentalität des "siga siga" (langsam, langsam) sehr ungewohnt sein. Die Kreter können schon wirbeln. Sie gehen tüchtig ihrer Arbeit nach. Es ist eine gründliche Arbeit, die auch Zeit erfordert. Und sollte etwas nicht so gelingen, so versucht ein jeder es mit Provisorien auszugleichen. Und mit einem freundlichen Lächeln.

Es wäre eine Eselei, den gewohnten Alltagsstreß von zu Hause mit auf diese Insel zu nehmen - und wohlmöglich diese Gewohnheiten auf den Kreter übertragen zu wollen. Der Urlaub soll zur Erholung und Sammlung neuer Eindrücke dienen. Wir fliegen in die Ferne, um das Meer zu geniessen, uns von der Sonne bräunen zu lassen und die kulinarischen Genüsse der Fremde zu probieren. Wir fliegen in die Ferne, um uns vom Alltag zu lösen. Alltag zu Hause, Alltag im Job und Alltag im Kiez. Einfach stressfrei sein.

Es wäre eine Eselei, den Touristenboom und Konsumentenrausch des Nordens auf die gesamte Insel zu übertragen.

Der gastfreundliche und gefühlvolle Kreter ist noch überall zu finden. Und er zeigt sich auch uns - wenn wir Geduld üben.

Durch den Palast von Knossos, den Palmenstrand Vai oder auch das Kloster Akardi hat der Urlauber zwar touristische Höhepunkte erlebt, die man auch nicht unbedingt versäumen sollte. Doch abseits davon gibt es noch sehr viel mehr zu sehen - das bekommt der Gast in keinem Reisebüro und bei keinem Busausflug.

Eine Eselei, das zu versäumen.

Der Esel, das vierbeinige Geschöpf, möge es mir an dieser Stelle verzeihen, dass ich ihn für so manche Verhaltensweisen des Gastes missbraucht habe. Er ist nicht immer stürrisch - er hat nur seine Eigenarten. Wie jeder Mensch - wie jeder Kulturkreis.

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"Augenblick(e) - Erinnerungen und Gegenwart" 

"Der mediterrane Tick"

"Eine Reise mit Hindernissen"

"Die Kraft des Meeres"     

"Lebensbaum/-traum"

"Tsampika oder Tsampikos?"

 

 "Warum? - Der Weg nach vorn." Das Gedicht gehört zur Rubrik "(Ge)Wissen".

 "Für einen lieben Menschen" Das Gedicht gehört zur Rubrik "(Ge)Wissen".

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