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Ausarbeitung (12.04. - 16.04.2000):

Analyse und Erörterung zu Erich Kästners "Über das Verbrennen von Büchern",

Ansprache auf der Hamburger PEN-Tagung am 10. Mai 1958

Der vorliegende Text "Über das Verbrennen von Büchern" ist Bestandteil einer Rede, die Erich Kästner am 10. Mai 1958 auf der PEN-Tagung in Hamburg hielt. Der bekannte Autor (z. B. "Emil und die Detektive", "Das doppelte Lottchen") lebte von 1899 bis 1974. Man kann ihn somit als Zeitzeugen der beiden Weltkriege (I.: 1914 bis 1918; II.: 1939 - 1945) bezeichnen.

Allein der Titel "Über das Verbrennen von Büchern" lässt auf die Bezugnahme des Redners schliessen. Man kann bereits zu Beginn des Textes davon ausgehen, dass der Redner sich auf die Ereignisse von 1933 stützt und sich mit ihnen auseinandersetzt. Die Art und Weise sowie die Intention dieser Auseinandersetzung bleibt zunächst offen.

Kästner hält seine Rede vor den Delegierten/Besuchern der PEN-Tagung. Hinter der Abkürzung "PEN" verbirgt sich der Internationale Schriftstellerverband. Somit lassen sich die Adressaten konkretisieren. Es sind Autoren, die aus allen Teilen der Welt zusammengetroffen sind.

Wenn Erich Kästner nun "über die Verbrennung von Büchern" spricht, stellt sich die Frage, wie anschaulich er seine Worte wählt, um sein Anliegen vorzubringen.

Die Rede ist systematisch aufgebaut. Sie gliedert sich in eine allgemeine Einführung, der sich die Konkretisierung der Bücherverbrennung anschliesst. Bei dieser Konkretisierung reflektiert er die Ereignisse von 1933 aus dem eigenen Bewusstsein heraus in das der Zuhörer. Bevor Erich Kästner Schlussfolgerungen aus der Geschichte zieht, versucht er über einen Appell Gedenken und Mahnung zugleich zu erreichen.

Mit der These "seit es Bücher gibt, werden Bücher verbrannt", eröffnet Erich Kästner seine Rede. In seiner Einführung bezieht sich Kästner auf die biblische Geschichte um Kain und Abel. Er trägt vor, dass "der Neid, der keinen Weg sieht, sich auf den einzigen Ausweg begibt - ins Verbrechen". Als Beispiel für auftretenden Neid und den Folgen daraus, erwähnt Kästner den Tempel der Artemis (Bezug auf die Antike, Paranthese).

Während der Einführung wird Erich Kästner konkret in seiner Absicht. Er appelliert, "es müsse künftig an die rechtzeitige Verhütung der Schuld gedacht werden" und bringt es in Form der Anapher auf den Punkt. "Davon ist die Rede. Davon handelt die Rede." Entgegen dem zwischenmenschlichen Umgang, dass man zwar nicht vergessen sollte, aber dennoch verzeihen, plädiert Kästner für ein Verstehen der Taten, aber nicht für das Verzeihen.

Die Hinführung zur Argumentation leitet Erich Kästner mit der Variation "die Geschichte des Geistes und des Glaubens sei zugleich die Geschichte des Ungeistes und des Aberglaubens" ein. Die Worte beinhalten den "roten Faden" seiner Rede - die Bücherverbrennung. Gleichzeitig versucht er eine Definition für Literatur und Kunst zu finden bzw. die Verbindung zwischen der Kunst/Literatur und der Gesellschaft herzustellen.

Kästner sieht in der Kunst ein Symbol der Freiheit. Es lassen sich Episoden und Emotionen des eigenen Lebens darin verarbeiten. Das eigene Leben darin verarbeiten heißt aber auch, sich mit seinem Umfeld - der Gesellschaft - auseinanderzusetzen. Und genau an dieser Stelle sind der Freiheit Grenzen gesetzt. Es sind Grenzen, die durch Unwissenheit und Intoleranz hervorgerufen werden. In gleicher Weise aktualisiert Kästner die Problematik, in dem er meint, '"die Geschichte der Freiheit sei [...] die Geschichte ihrer Unterdrückung, [...] und wenn die Intoleranz den Himmel verfinstert, zünden die Dunkelmänner die Holzstöße an". Um die Intoleranz herauszustellen, wählt Kästner die Personifizierung.

Kästner kehrt mit seinem Einleitungssatz zurück (Anapher) und nutzt ihn gleich als Wertung. Die Gültigkeit seiner anfänglichen These "seit Bücher geschrieben werden, werden Bücher verbrannt" beweist er anhand der Aufzählung historischer Ereignisse in der gesamten Welt. Sei es nun in China, England oder Frankreich in der Revolution - seine Beweisführung "spricht jeden Kontinent an".

Erich Kästner verwendet eine Vielzahl von Zitaten. Die Worte von Tacitus dienen ihm als Brücke zur nationalsozialistischen Herrschaft. Die Darbietung des Zitates von Tacitus "bettet" Kästner in ein Rätsel ein. Die Zuhörer erfahren erst am Ende des Zitates, von wem es im Ursprung stammt. Diese Taktik benötigt Kästner jedoch, um seine Beweisführung sicherzustellen, dass die Bücherverbrennung zu jeder Zeit aktuell war.

Heinrich Heine ist ein Autor von vielen, dessen Bücher 1933 öffentlich verbrannt wurden. Das gewählte Zitat "Dort, wo man die Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen" ist treffend gesprochen. Bücher stellen die persönliche Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst und seiner Umwelt dar. Seit Erfindung des Buchdruckes waren und sind die Autoren nun auch in der Lage, soziale, politische und gesellschaftliche Probleme aufzugreifen, zu verarbeiten und entsprechend zu verbreiten. In den Schriften ist das persönliche Empfinden - der individuelle Geist - enthalten. Wird nun ein Buch vernichtet, so wird ein Teil eines Lebens vernichtet.

In dem Paradoxon "das blutige Rot der Scheiterhaufen sei immergrün" verleiht Kästner noch einmal seiner Rede besonderen Ausdruck. Das Paradoxon verdeutlicht vielmehr das Anliegen Kästners, dass das Thema der Bücherverbrennung aktuell sei ("immergrün") und leitet gleichzeitig eine Verbindung zu Heines Zitat her "blutiges Rot" - "... verbrennt man auch am Ende Menschen").

Analog zu seiner Rede gibt Erich Kästner eine Beschreibung der Ereignisse von 1933. Während er einen Rückblick gibt, ruft er die Teilnehmer der Tagung - unter Verwendung der persönlichen Anrede - zu einer "Gedächtnisübung" auf. Er zeigt einen historischen Überblick über die Situation auf, in der sich Deutschland bei der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten befand.

Unter Berücksichtigung seines Publikums und der Person Erich Kästner selbst, ist die Darstellung der Ereignisse auffallend. Kästner spricht von einer "missglückten Inszenierung" und dass man "das blutige Stück vorübergehend abgesetzt" habe. Die Darstellungsweise des Geschehens wird wie ein Theaterstück übermittelt. Die Art und Weise der Rekonstruktion kommt auch im folgenden Wortspiel zum Ausdruck: "Zwei Monate hatte man mit der seidnen Schnur gewinkt, und es ging wie am seidenen Schnürchen." Es ist festzustellen, Kästner verwendet die Sprache eines "Künstlers unter Künstlern".

In vielen Umschreibungen berichtet Erich Kästner über das Feuer in Deutschland 1933. Die herrschende Gewalt - die Nationalsozialisten - bezeichnet Kästner mit der Metapher "Pyrotechniker der Macht".

Im weiteren Verlauf seiner Rede setzt sich Erich Kästner mit der Agitation Goebbels auseinander. Er versucht eine Beziehung der Burschenschaft Anfang des 19. Jahrhunderts beim Wartburgfest gegenüber den faschistisch beeinflussten Studenten 1933 herzuleiten. Sowohl 1817 als auch 1933 wurden Bücher verbrannt. Zu beiden Zeiten vollzog sich ein gesellschaftlicher Gesinnungswandel.

Wenn Erich Kästner von einer "Gedächtnisübung" spricht, so ist es auch eine Stunde des Gedenkens. Er rüttelt an den Gedanken seiner Zuhörer, unter denen auch Betroffene sitzen. Betroffen von der Bücherverbrennung, weil auch ihre Werke darunter waren.

Während Erich Kästner noch einmal eine Aufzählung aller Brandorte vornimmt (Anapher), kommt er zu der verbitterten Wertung, "er habe Gefährlicheres erlebt - Tödlicheres - aber Gemeineres nicht". Durch die persönliche Anrede der Zuhörer nimmt diese Wertung eine appellierende Haltung ein, die die persönliche Beziehung des Redners zum Sachverhalt widergibt. Erich Kästners Bücher wurden 1933 auch verbrannt.

Wenn ein Buch erscheint, so hat die Auflage eine bestimmte Stückzahl. Ist dieses Werk auch noch sehr erfolgreich ("Bestseller"), dann gibt es Neuauflagen. Durch die Aufführung der Brandorte wird deutlich, dass regelrechte Zentren der Bücherverbrennung existierten. Daraus folgt, dass nicht nur ein Exemplar eines Buches vernichtet wurde, sondern komplette Auflagen. Das ist die Gemeinheit, von der Kästner spricht. Mit dieser Aktion sollte der ideelle Wert der Bücher ausgelöscht werden. An dieser Stelle sei an Heinrich Heines "Deutschland - Ein Wintermärchen" erinnert.

"Die Geschichte des Geistes und des Glaubens ist zugleich die Geschichte des Ungeistes und des Aberglaubens". Dieser Satz leitet eine Vielzahl von Variationen für die Titulierung des Nazi-Propagandisten Goebbels ein:

z. B.: "Der kleine Hinkende Teufel, [...] dieser missratene Mensch und missglückte Schriftsteller..." oder

"... brüllte der personifizierte Minderwertigkeitskomplex aus Rheydt."

Kästner geht mit der Problematik der Agitation sehr emotional u. Das kommt in seinen rhetorischen Fragen zum Ausdruck. Es macht ihn betroffen, dass sogar Professoren sich von diesem "Ungeist" und "Aberglauben" beeinflussen ließen. "Viel Schrecklicheres, etwas Undenkbares war geschehen: Ein Doktor der Philosophie, ein Schüler Gundolfs, hatte die deutschen Studenten aufgefordert, höchstselbst den deutschen Geist zu verbrennen. Es war Mord und Selbstmord in einem. Das geistige Deutschland brachte sich und deutschen Geist um...". Wenn Kästner hier von "Geist und Ungeist" sowie "Mord und Selbstmord" spricht, so lässt sich folgendes erkennen:

Der Philosoph studierte intensiv "den Geist". Er setzte sich wahrscheinlich mit den antiken Philosophen, aber auch mit den deutschen Philosophen (z. B. I. Kant) auseinander. Ein weiterer Schwerpunkt in dieser Auseinandersetzung ist die Verbindung von Philosophie, Geschichte und Kultur. Hierin liegt der Geist. Der Ungeist wiederum spiegelt sich in der Beeinflussung des Philosophen wider. Wie ist es sonst zu erklären, dass er sich dazu hingibt, seine Studenten zur aktiven Teilnahme an der Bücherverbrennung aufzufordern? Der "Mord" symbolisiert nicht nur die Vernichtung des literarischen Erbes, sondern gleichzeitig die Verdrängung der eigenen Geschichte, der eigenen Existenz. Für den Philosophen und seinen Studenten bedeutet es aber auch "Selbstmord". Sie widerlegen sich selbst und stellen ihre eigene Existenz und ihren Glauben in Frage.

Erich Kästner verstärkt sogar noch sein Unverständnis darüber mit dem Klimax "Es war nicht nur Mord und nicht nur Selbstmord, es war Mord als Inzest, es war, mathematisch gesagt, Massenmord und Selbstmord hoch drei." Die Form der Steigerung stellt gleichzeitig eine Hyperbel dar.

Aber Kästner zeigt auch auf, dass nicht alle Gelehrten so waren bzw. so dachten, wie der beschriebene Philosoph. So huldigt er seinen ehemaligen Lehrer, der aus Protest an der Sache seinen Professorenstuhl aufgab. Im Rahmen dieser Huldigung ruft er zum Gedenken der Verdienste dieser Gelehrten auf.

Zum Ende seiner Rede trägt Erich Kästner noch einmal den Sinn dieser vor. Er leitet die Zusammenfassung mit der persönlichen Anrede ein. Das verleiht seiner Rede noch mehr Bedeutung als sie schon aufweist. Er ruft sein Anliegen "eine Gedenkstunde soll eine Gedächtnisübung sein" in das Bewusstsein der Zuhörer und verstärkt es mit aufeinanderfolgenden rhetorischen Fragen. Kästner verwendet dabei Archaismen bzw. eine Aussprache von Wörtern, wie sie in der Gegenwart nicht mehr vorkommen (z. B. "hülfe", "arge Zeiten").

Hat Kästner im vorangegangenen Teil über historische Ereignisse und Personen gesprochen, so geht er nun dazu über, sich selbst mit Zeitgenossen zu vergleichen. Er führt einen Schauspieler auf, der gehandelt habe. Kästner vergleich die Situation mit einem Boxkampf. Er habe zwar auch gekämpft, doch nur in Gedanken. ("Ich war nur passiv geblieben. [...] Ich hatte angesichts der Scheiterhaufen nicht aufgeschrien. Ich hatte nicht mit der Faust gedroht. Ich hatte sie nur in der Tasche geballt." - Satzanfänge = Anapher)

Das "aufgeschrien" wird als Metapher gebraucht und die Bedeutung liegt dahingehend, dass sich Kästner nicht zur Wehr gesetzt hat. Gleichzeitig verstärkt diese Metapher die Passivität Kästners.

Kästner bekennt sich zu seiner passiven Haltung. Es trägt schon fast die Züge einer Entschuldigung für sein Verhalten. Er begründet seine Worte damit, dass die Reaktion des Menschen in einer "Notsituation" nicht vorhersehbar sei (sogenannte "Mutfrage"). Gleichzeitig appelliert er, dass keiner auf die Hilfe bzw. Unterstützung des anderen warten soll ("Kein Volk und keine Elite darf die Hände in den Schoß legen und darauf hoffen, dass im Ernstfall, im ernstesten Fall [Anmerkung: Klimax], genügend Helden zur Seite sein werden.") Die Metapher "... aus dem Stoffe gemacht ..." greift die Konstitution des einzelnen Menschen auf. In diesen Worten spiegelt sich der Appel an die Toleranz wider. Nicht jeder ist in der Lage zu helfen. Dafür gibt es viele Gründe. Sie können in körperlicher Schwäche, gesundheitlichen, fehlender Zivilcourage oder aber im religiösen Glauben ihre Ursachen finden.

Im Schlussteil seiner Rede zieht Erich Kästner Lehren aus der Geschichte. Er vertritt die Ansicht, dass Unrecht im Keim zu ersticken sei, bevor es sich ausbreitet. "Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muß den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat." Diese Worte umschreiben als Metapher noch einmal die Vergangenheit.

Die Rede Erich Kästners ist bewegend. Sie betrifft nicht nur die Teilnehmer der PEN-Tagung; die Rede ist für die Allgemeinheit bestimmt. Der Tenor richtet sich gegen Unrecht und Intoleranz. Der fünfundzwanzigste Jahrestag seit der Bücherverbrennung ist sicherlich Anlass genug, eine solche Rede zu halten. Doch die Problematik von Unrecht, Intoleranz bis hin zur Diktatur existiert doch auch noch in der Gegenwart. Sei es Fremdenhass oder Intoleranz gegenüber Randgruppen - wie geht die heutige Gesellschaft damit um?

Durch die Staffelung seiner Rede von der Antike über den Nationalsozialismus bis hin zum eigenen Erleben erreicht Erich Kästner die Wirksamkeit. Er beschönigt nicht sein Verhalten, vielmehr steht er zu seiner Schwäche. Das macht ihn überzeugend. Durch die Darstellung von Widersprüchen (z. B. Der Philosophie-Professor) weist er auf die Labilität des Menschen hin, die ihn vielleicht zerstören kann.

Die Intention des Redners, eine Mahnung hervorzubringen und "wachzurütteln", ist erreicht.

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