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Ausarbeitung 3 (Dez. 1999/2000):

zu Frank Kafkas "Der Nachbar"
 

In Franz Kafkas Erzählung "Der Nachbar" wird der Verfall des Selbstwertgefühls eines Menschen geschildert. Der Auslöser für diesen Abstieg ist eine Veränderung im persönlichen Umfeld dieser Person. 

Kafka schrieb diese Erzählung um 1917, einer Zeit, wo die literarische Epoche des Expressionismus die Selbstentfremdungdes Menschen darzustellen versuchte. Eine konkrete Eingliederung dieses epischen Werkes erscheint schwierig, da sowohl Elemente der Parabel als auch Elemente der Novellen [Kurzgeschichte] enthalten sind. 

Der Titel "Der Nachbar" grenzt die Thematik des Werkes ein und bietet Spielraum für Spekulationen. Der Leser wird vor Fragen gestellt, die sich aus dem Titel ergeben. Wer ist der Nachbar? In welchem Verhältnis stehen die beiden Personen zueinander? Diese Art der Fragen entsprechen dem menschlichen Naturell. Darauf baut der Erzähler auf. 

Als Perspektive der Erzählform wurde der "Ich-Erzählers" gewählt. Der "Ich-Erzähler" formuliert seine Erkenntnisse in Form eines Berichtes. Daraus resultiert, dass der Bericht auch "ausschnittweise" erbracht werden kann. Die Erzählung "Der Nachbar" ist ein solcher Ausschnitt. 

Dem Leser wird ein Mietshaus vorgestellt, wo der "Ich-Erzähler" Büroräume angemietet hat. Der Ort der Handlung ist somit schon eingegrenzt und ruft Assoziationen zum Titel hervor. Es wird versucht, eine Beziehung Mietshaus-"Ich-Erzähler"-Nachbar herzustellen. 

Der "Ich-Erzähler" verfügt schon über einen längeren Zeitraum über diese Räume. In seinem Geschäft scheint er Erfolg zu haben. Er beschäftigt "zwei Fräulein mit Schreibmaschinen und Geschäftsbüchern im Vorzimmer" und sagt von sich selbst, das er "noch ganz jung sei und die Geschäfte vor ihm herrollen". Daraus resultiert eine Ruhe und Zufriedenheit. "Ich klage nicht, ich klage nicht." 

Als die Nebenwohnung neu vermietet wird, kommt Unruhe in das friedliche Idyll. Das Türschild "Harras, Bureau" gibt nur Anhaltspunkte für Spekulationen. Keiner kennt diesen jungen Mann, und niemand weiss über dessen Tätigkeit zu berichten. Für den "Ich-Erzähler" ist es eine alptraumartige Vorstellung, dass dieser "junge, aufstrebende" Mensch in dem gleichen Gewerbe tätig sein könnte wie er: "Ich habe mir abgewöhnt, den Namen der Kunden beim Telefon zu nennen". 

Die Erzählung ist in zwei Abschnitte gegliedert. Die Zeilen 1 bis 5 erwecken beim Leser den Eindruck, dass der Erzähler zufrieden ist. Der Satz "Mein Geschäft ruht ganz auf meinen Schultern" vermittelt, dass es sich um ein etabliertes Gewerbe handelt, das jeder Krise standhält. 

Ab der 6. Zeile ist ein schlagartiger Umschwung zu verzeichnen. Von anfänglicher Unruhe bzw. Nervosit�t steigert sich die Handlung bis zur Depression am Ende. Die Unsicherheit des "Ich-Erzählers" keimt schon auf, als er sich Gedanken über die neuvermietete Wohnung macht. Er zeigt Reue über die Unschlüssigkeit, selbst die Wohnung anzumieten. 

Die Unruhe steigert sich und erreicht ihren Höhepunkt, als der "Ich-Erzähler" Erkundigungen über seinen neuen Nachbarn einholt. Dass die Leute keine konkrete Aussage machen können, befriedigt ihn überhaupt nicht. Vielmehr regen diese fehlenden Informationen ihn dazu an, "wüste" Spekulationen anzustellen. Es macht ihn wirklich krank, dass er rein gar nichts über diesen Menschen von nebenan weiss. So ist es nicht verwunderlich, dass der Erzähler davon ausgeht, dass sein Nachbar sein Konkurent, sein Gegenspieler sei. 

Die Wohnung wird als hellhörig und dünnwändig beschrieben. Daraus resultiert der Entschluss, die Namen der Kunden am Telefon nicht mehr auszusprechen. Alle Umstände miteinander verknüpft bieten der Vermutung Nahrung, der "junge, dynamische, aufstrebende" Nachbar würde dem Erzähler die Kundschaft ausspannen und anschließend sein Geschäft zerstören: "Natürlich werden dadurch auch meine geschäftlichen Entscheidungen unsicher, meine Stimme zittrig [...], ist er vielleicht schon daran, mir entgegenzuarbeiten?". 

Kafka erreicht mit seiner Erzählerperspektive, dass der Eindruck entsteht, er sei ein Betroffener. Das Gesamtwerk stellt einen Widerspruch dar. Der Widerspruch liegt einerseits in dem zufriedenen Geschäftsmann (1. Abschnitt) und andererseits in der Verzweiflung, die durch den neuen Hausbewohner entsteht. Die Schreibweise ist anschaulich und für den Leser verständlich. 

Wie bereits erwähnt, agiert ein "Ich-Erzähler". Durch die Beschreibung der Wohnung, die eine Aufzählung der Einrichtung (Klimax) unvermeidlich macht, ist der Leser mitten im Geschehen. Durch die Wortwiederholung "Ich klage nicht" bekräftigt der Erzähler seine Situation. Durch geschickte Wortwiederholungen versucht der Erzähler auf seine Lage aufmerksam zu machen. Dabei verwendet der Erzähler unter anderem die Satzstellung der Parataxe, wo gleichberechtigte Hauptsätze miteinander verbunden sind: "Zimmer und Vorzimmer hätte ich wohl brauchen können - meine zwei Fräulein fühlten sich manchmal schon überlastet - aber wozu hätte mir die Küche gedient?" 

Weitere Elemente des Textes sind Archaismen, wie z. B. "Kreditgewährung". Die Bedeutung dieses Wortes findet in der Gegenwart seine Anwendung bei "Auskunft", *Bürgschaft". Dass sich der neue Mitbewohner zuerst ruhig und unauffällig verhält, drückt Kafka mit der Metapher "Wie der Schwanz einer Ratte ist er hineingeglitten..." aus. Diese Wortwahl symbolisiert aber auch die Meinung des Erzählers, die er sich von seinem Nachbarn gebildet hat. Es zeugt nicht gerade von Sympathie, wenn ein Mensch einen solchen Vergleich zieht. 

Dass sich der Erzähler in etwas hineinsteigert, wird bei der rhetorischen Frage "Was macht Harras, während ich telefoniere?" offenkundig. Er wartet gar nicht erst die Antwort ab � wer sollte sie ihm auch geben � vielmehr beantwortet sich der Erzähler seine Frage selbst. Die Selbstbeantwortung der Frage fördert den Handlungsverlauf, da der Erzähler immer mehr an den Rand der Verzweiflung gerät: "Manchmal umtanze ich, die Hörmuschel am Ohr, von Unruhe gestachelt...". Wie weit kann Neugier den Menschen zermürben? 

Über die Motivation Kafkas, diese Erzählung zu schreiben, lässt sich nur spekulieren. Der Autor hat autobiographische Erlebnisse in diesem Werk verarbeitet. Er selbst ist Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie und beruflich war er sowohl in der Justiz als auch im Versicherungswesen tätig. Somit bot sich Kafka die Gelegenheit, den Themenstoff aus seinem unmittelbaren Umfeld zu entnehmen. 

Kafka schrieb die Erzählung ohne Zeitangabe. Daraus entwickelt sich eine Zeitlosigkeit. Doch gerade diese Zeitlosigkeit ermöglicht es, die Erzählung in die Gegenwart zu übertragen. Die Neugier des Menschen ist angeboren. Ein besonderes Interesse liegt dabei immer im persönlichen Umfeld des einzelnen. Den "Nachbarn" kann man in diesem Sinne auf den Kollegen, den Grundstücksnachbar etc. beziehen. Aber auch über Konkurrenten und Mitbewerber will man ständig informiert sein. 

Dem Autor ist es gelungen, dem Leser seine eigenen Schwächen vorzuführen. Der "Ich-Erzähler" vergleicht sich mit seinem Nachbarn. Gerade die gleichen Verhaltensweisen zeigt der Schrebergartenbesitzer, wenn er seinen Vorgarten und den seines Nachbarn begutachtet.

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